Mare Nostrum

Von Laura Uribe

IN SPANISCHER SPRACHE MIT DEUTSCHEN ÜBERTITELN

In Kolumbien schlägt der nach wie vor nicht ganz befriedete Bürgerkrieg zwischen der Regierung und den paramilitärischen Verbänden der FARC-EP die Menschen in die Flucht nach Mexiko – und sehr häufig von da aus weiter in die USA. In ihrer Inszenierung beschäftigt sich die Schauspielerin und Regisseurin Laura Uribe mit der Situation nicht nur dieser Migrant/innen und Vertriebenen. „Mare Nostrum“ ist bildgewaltiges zeitgenössisches Dokumentartheater, in dem Multimedia, Performance und Installation eine spannungsreiche Beziehung eingehen. Persönliche Erlebnisse, Statistiken und Reflexionen formieren sich zu einem multiperspektivisch erzählten Theateressay. Es werden Parallelen gezogen zu den Tragödien auf dem Mittelmeer und in Syrien.

„Mare Nostrum“ spannt einen großen dramaturgischen Bogen, der von abrupten Brüchen gekennzeichnet ist. Das Publikum taucht ein in einen Strom provokanter und eklektischer Bilder, in einen Sprachfluss, der gleichermaßen poetisch und aggressiv daherkommt. Selbst in Momenten größter Verzweiflung bleiben Anflüge von Humor spürbar. Von einer Holzhütte, in der eine Sängerin eine Ballade summt, werden die Zuschauer mitten in den Dschungel versetzt, in dem eine Frau erzählt, wie ihre Mutter bei einem Massaker durchlöchert wurde. Die Vorstellung, dass sich Fische in Menschen verwandeln können, ruft halluzinatorische Traumbilder hervor.

Mit ihrer Inszenierung prangert die mexikanisch-kolumbianische Produktion die Ungerechtigkeit und die Imhumanität eines Kapitalismus an, der systematisch die Entwurzelung und das spurlose Verschwinden abertausender Menschen produziert. In einem mächtigen Endbild treiben drei Körper, umgeben von Kleidung, die längst ihre Besitzer verloren hat, durch die Fluten in das Vergessen und in eine unendliche Einsamkeit hinein.

Ein raumgreifender und gleichzeitig anrührender performativer Essay über Vertreibung und Flucht aus lateinamerikanischer Perspektive. Da Laura Uribe diese Phänomene als Effekte einer Ökonomie der Ungleichheit analysiert, könnte diese Inszenierung innerhalb der Festivalprogramms dazu beitragen, das Thema “Reich” (bzw. “Arm”) in einem globalen Maßstab zu betrachten. Nicht umsonst wirft “Mare Nostrum” die Frage auf, ob und inwiefern die in dem Stück thematisierten sozioökonomischen Entwicklungen mit der Lage in Syrien und im Mittleren Osten vergleichbar sind. Es ist bezeichnend für die Aufmerksamkeitspolitik in Europa, dass die grauenhafte Situation in einem Land wie Kolumbien in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle spielt. Hin und wieder neigt das Stück zu einem moralisierenden Tonfall. Aber ist das nicht selber ein in sich problematisches Argument, geäußert von Menschen, die das Privileg haben, von den hier ausgebreiteten Entwicklungen nicht unmittelbar betroffen zu sein? Um so mehr überzeugen die große Integrität und Überzeugungskraft – das anrührende Spiel – der Performer/innen.

Konzept, Dramaturgie, Regie Laura Uribe Mit Marisol Álvarez, Tata Castañeda, Esteban M. Madrigal, Karla Garrido Produktion Teatro UNAM, Universidad de Antioquia and Teatro en Código Company Bühne, Licht Tenzing Ortega Kostüme Ricardo Loyola Multimedia Design Edmundo Herrera and Hector Cruz Multimedia live performance Hector Cruz Ton Edmundo Herrera & Anna Cristina Portillo Live Musical Tata Castañeda Szenische Einrichtung Laura Uribe Regieassistenz und Produktionsleitung Sabina Aldana Dramaturgie Manuela Paniagua Dramaturgische Beratung Noé Morales Künstlerische Mitarbeit Maria Sandoval & Noé Morales Technischer Direktor Tenzing Ortega

Das Stück enthält Texte von Laura Uribe, Marisol Álvarez, Tata Castañeda y Esteban M. Madrigal und Angélica Liddell.