Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis

VON SHE SHE POP

IN DEUTSCHER SPRACHE / IN GERMAN
AB 10. KLASSE/ APPROPRIATE FOR CLASSES FROM 10TH GRADE

Publikumsgespräch am 09. November, 21.15 Uhr mit She She Pop und Prof. Dr. Daniel Loick (Philosoph, Universität Erfurt) und Julia Friedrichs (Journalistin), Moderation Christa Hohmann (Pathos München, dg). Am Samstag, 10. November, 21.15  mit She She Pop und Florian Diekmann (Journalist), Moderation Georg Kasch (nachtkritik). Kuratiert von der dramaturgischen Gesellschaft.

Am Anfang steht die Schrift. Noch bevor sich der ins Dunkle getauchte Bühnenraum aufhellt und von She She Pop und dem „Chor der lokalen Delegierten“ in einer fahnenschwingenden Prozession betreten wird, fordern Textzeilen das Publikum auf, das Wort zu ergreifen. Es entspinnt sich ein vom Teleprompter gesteuerter Dialog unterschiedlicher Sprechchöre: Neben der Gesamtgruppe artikulieren sich kleinere Einheiten – der „Chor der nicht abgesicherten Mütter“ oder auch der „Chor der Erb/innen“. In Rede und Gegenrede entsteht im Wechselspiel mit den Delegierten auf der Bühne ein kollektiver Monolog, der danach fragt, wie sich Besitz und Eigentum in der Gesellschaft verteilen. Wie strukturiert Vermögen soziale Ungleichheit? Und welche Rolle spielen dabei Erbschaften?

Noch nie wurde in Deutschland so viel Geld an Nachgeborene weitergereicht wie heute. Aber es gilt als ungehörig, darüber zu reden. She She Pop brechen das Schweigen und nehmen Besitzverhältnisse, auch die eigenen, kritisch in den Blick. Wem gehört eine Eigentumswohnung? Und für wen werden die explodierenden Mieten zum existenziellen Problem? Wie summieren sich Vermögen und zu erwartende Erbschaften unter denen, die im Theater sitzen? Eigentum verpflichtet, heißt es im Grundgesetz, Artikel 14, Absatz 2. Aber was machen Besitz und Wohlstand mit denen, die darüber verfügen können? Wie weit reichen Solidarität und Empathie, wenn Geld im Spiel ist?

Die aufgeworfenen Fragen zielen, so die Auffassung der Jury, mitten ins Herz der Themen, mit denen sich die diesjährige Ausgabe von Politik im Freien Theater beschäftigt. Der konzeptuell äußerst kohärente Abend geht der zunehmenden Spaltung des Bürgertums nach und zeigt in Fabeln, Liedern oder auch theater­theoretischen Kommentaren die Unterschiede zwischen Haben und Nichthaben auf. Inspiriert von Bertolt Brechts Lehrstücken umkreist „Oratorium“ den Zusammenhang von Privateigentum, bürgerlicher Öffentlichkeit und demokratischer Partizipation auf so unterhaltsame wie (selbst-)ironische Art und Weise. An jedem Spielort wird die Produktion an die lokalen Gegebenheiten angepasst. Die ungleiche Verteilung ökonomischer Ressourcen wird so in der jeweiligen Stadtgesellschaft sichtbar bzw. für die Dauer der Vorstellung hörbar. Utopien der Umverteilung werden allerdings keine entworfen – denken und handeln muss das Publikum schon selbst.

 

It begins with the written word. Even before the lights go up on the dimly-lit stage and a flag-waving procession of She She Pop enters with the “chorus of local delegates”, lines of text challenge the audience to speak up. What unfolds is a teleprompter-controlled dialogue of different chants: in addition to the entire group, smaller entities chime in – for example, the “chorus of mothers without financial security” or the “chorus of inheritors”. The declarations and counter-declarations of the choruses, which alternate with the delegates on stage, result in a collective monologue that asks: How are property and assets distributed in society? How does wealth lead to structures of social inequality? And what role does inheritance play?

Never before have so many people in Germany inherited money. And yet it is considered improper to talk about it. She She Pop break the silence and talk about property – including their own. Who owns a property? And for whom do rocketing rents present an existential problem? What is the accumulated wealth, including expected inheritance shares, of the audience members? Property entails responsibility, as it says in the German constitution, Article 14, paragraph II. But what does property do to those who own it? How far does solidarity and empathy go when money is involved?

According to the jury, the questions asked strike right at the heart of the issues addressed in this year’s edition of Politik im Freien Theater. The conceptually coherent evening probes the increasing division of the middle classes, and the difference between the haves and the have-nots is explored in fables, songs and even theatre-theory commentaries. Inspired by Bertolt Brecht’s Lehrstücktheorie, “Oratorium” explores the connection between private property, the middle classes and democratic participation in a fun and (self-)ironic way. At each venue, the production is adapted to local conditions so that the unequal distribution of economic resources in the respective city is addressed in the performance. However, the evening does not offer a utopia of redistribution – the audience has to think and act on its own.

 

Von und mit / By and with Sebastian Bark, Johanna Freiburg, Fanni Halmburger, Lisa Lucassen, Mieke Matzke, Ilia Papatheodorou, Berit Stumpf sowie dem Chor der lokalen Delegierten

Bühne / Set Sandra Fox Kostüme / Costumes Lea Søvsø Musik / Music Max Knoth Künstlerische Mitarbeit / Artistic cooperation Ruschka Steininger Technische Leitung, Lichtdesign / Technical manager, lighting design Sven Nichterlein Produktionsleitung / Production manager Anne Brammen Produktion / production She She Pop In Koproduktion mit / Co-production HAU Hebbel am Ufer, Festival Theaterformen, Münchner Kammerspiele, Schauspiel Stuttgart, Kaserne Basel, Schauspiel Leipzig, Kampnagel Hamburg, Künstlerhaus Mousonturm, FFT Düsseldorf, Konfrontacje Teatralne Festival Lublin und ACT Independent Theater Festival Gefördert durch / Funded by die Kulturstiftung des Bundes und die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa/ the Federal Cultural Foundation and the Berlin Senate Department for Culture and Europe

 

Tags Besitz Reichtum Privilegien, Theater